Ich wünsche mir, dass unsere Kinder ihr Glück und ihre Zukunft im eigenen Land finden

Kerstin Auersch, Cabin Crew Manager Flight Attendant bei Lufthansa, ist ehrenamtliche Projektleiterin des Blue Bell Kindergartens in Mtwapa, Kenia mit Herz und Seele. Im Gespräch berichtet sie über den Zufall, der sie zu ihrem Projekt brachte, die Erfolge des Projekts und ihre Wünsche für die Zukunft.

Was machst du bei Lufthansa?

Ich arbeite als Cabin Crew Manager Flight Attendant. Zuvor war ich als Flugbegleiterin und als Purser an Bord tätig. In meiner jetzigen Arbeit bin als Vorgesetzte für etwa 600 Flugbegleitern zuständig. Zu meinen Aufgaben gehört Förderung und Entwicklung meiner Mitarbeiter, Qualitäts – und Performance Management, Information, Fürsorge und Gesundheitsmanagement, aber auch alle disziplinarischen Themen. Ich begleite z.B. neue Flugbegleiter durch ihre Ausbildung und Probezeit und führe mit ihnen Entwicklungsgespräche.

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Wie kamst du zu Blue Bell?

Alles durch Zufall! Unser Projekt ist uns praktisch auf die Füße gefallen. Damals war ich noch Purser bei Condor. Gemeinsam mit einer Freundin arbeitete ich auf einem Flug nach Mombasa. Das war ungewöhnlich und eine Ausnahme, dass wir zusammen flogen, da selten zwei Purser auf einem Flug geplant werden.

Da der Flug in der Regenzeit lag, und Condor deshalb seltener flog, hatten wir dort 5 Tage Aufenthalt. Gemeinsam sind wir zur Massage an den Strand gegangen. Die Mädels, die uns massierten kannten wir schon. Sie erzählten uns, dass sie inzwischen eine Auflage vom Bürgeramt erhalten hatten, dass sie, damit sie weiter am Strand massieren dürften, ein soziales Projekt unterstützen müssen. Jeden Samstag trafen sich die zehn Frauen und Jede spendete einen Teil ihrer Einnahmen und davon kauften sie Essen für Waisenkinder. Sie boten uns an dorthin mitzukommen. Gemeinsam fuhren wir nach Mtwapa. Dort trafen wir 40 Kinder, die in einem kleinen Raum aufhielten, der abends als Gebetsraum der Gemeinde genutzt wurde. Alles war sehr arm. Es gab kein Wasser, kein Spielzeug, keine Malstifte und Papier, kein Grün außen – alles war sandig und lehmfarben. Aber die Kinder strahlten und lächelten uns an. Eine ausgebildete Grundschullehrerin war da um die Kinder zu betreuen. Wir haben beim Abendessen unserer Crew davon berichtet und alle haben Geld gespendet. Wir sind dann los und haben die Basics für eine Schule gekauft. Stifte, Schreibhefte, Papier, Bälle, Plastikstühle usw. und zu den Kindern gebracht.

Und wie seid ihr dann zur help alliance gekommen?

Zurück in Deutschland haben diese Eindrücke uns nicht mehr los gelassen. Das war 2006. Seit 2002 gab es bei Condor die „On Board Collection“ für die help alliance und darüber bekamen wir die Idee uns an unsere interne Hilfsorganisation zu wenden. Wir machten einen Termin mit Rita aus. Wir saßen 5 Stunden gemeinsam zusammen und berichteten über unsere Erlebnisse. Rita war begeistert und meinte, dass wir da sicher etwas hinbekommen würden. Sie gab uns den Antrag mit und meinte wir sollten uns über das Budget und den Zeitrahmen Gedanken machen.

Seit Oktober 2006 unterstützt die help alliance nun das Projekt „Blue Bell Kindergarten“. Für unseren ersten Antrag hatten wir eine Laufzeit bis 2008 festgelegt. Schon im Dezember 2007 wurde ein größeres Grundstück angemietet und eine kombinierte Kindergarten – und Schuleinrichtung errichtet. Grace, die damalige Betreuerin der Kinder, wurde Schulleiterin. Bis Ende 2008 verdreifachte sich die Zahl der Kinder. Inzwischen besuchen 270 Kinder unsere Schule.
Es gibt eine Babyklasse für das Alter 1-3, drei Kindergarten- oder Vorschulklassen und Grundschulklassen für die Jahrgänge 1-8.

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Ich würde mir wünschen, dass die Schule sich irgendwann selbst trägt. Es ist eine Privatschule und die Eltern zahlen für Unterricht und Mittagessen der Kinder Gebühren. Wir unterstützen sie dabei aber auch finanziell – wir finanzierten auch immer wieder Umbauten und Ergänzungen wie beispielsweise Regenwassertanks. Eigentlich hätten wir gerne einen Brunnen gebaut, aber das erlaubte uns der Besitzer des Grundstücks nicht auch hatten wir zuerst angedacht, dass wir ein Grundstück kaufen würden – die Finanzierung dafür war gesichert – aber bei den unklaren Eigentumsverhältnissen vor Ort hätte es sein können, dass ein paar Monate später jemand da stehen und behaupten würde es wäre sein Grundstück.

Seit 2 Jahren bieten wir Schwimmunterricht für die Kinder – und Lehrer – an. 40 Kinder der 4. und 5. Klasse gehen einmal pro Woche mit Salim einem Feuerwehrmann, der auch Rettungstaucher bei der Mombasa Feuerwehr ist, zum Schwimmen lernen. Letztes Jahr starteten wir mit dem Projekt C.A.R.T einer Idee unseres Schwimmlehrers Salim – das Coast Aquatic Rescue Team. Einige Blue Bell Schüler werden zu Rettungsschwimmern ausgebildet. Im ersten Jahr konnte das C.A.R. Team an der langen Küste von Mombasa schon 8 Menschen vor dem Ertrinken retten.

Wie geht es nach der 8. Klasse für die Kinder weiter?

Der erste Jahrgang wird dieses Jahr fertig sein. Die Klassen dünnen sich aus. In den höheren Klassen sind weniger Kinder als damals begonnen haben. Das liegt daran, dass viele ältere Kinder schon Geld verdienen müssen. Mtwapa wird auch als „Sog des Verbrechens“ bezeichnet. Da passieren viele unschöne Geschäfte.
Unsere Kinder schneiden aber bei den landesweiten Tests gut ab und befinden sich auf einem guten Bildungsniveau. Die Frage ist, ob sich die Eltern die weiterführende Schule leisten können. Aber zumindest haben die Kinder richtig gut Lesen und Schreiben, soziale Kompetenzen und sehr gutes Englisch gelernt.

Studenten der Uni Groningen haben vor ein paar Jahren drei Projekte in Kenia besucht. Für Blue Bell haben sie ein einfaches Excel Programm erstellt, dass die Abrechnungen einfacher macht. Sie haben sich in einem Feuerwehrprojekt engagiert und auch den Projekten des Freundeskreis Ostafrikahilfe, gearbeitet. Dort haben sie zum Beispiel in einer Schule Job- und Bewerbungstrainings mit den Jugendlichen gemacht aber auch überlegt, wo zukünftig die Jugendlichen von Blue Bell Geld verdienen können.

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Welche Herausforderungen gab es im Projekt für dich?

Die politische Lage in Kenia ist seit Jahren schwierig. Sowohl die Nähe der Region zu Somalia und den Piraten, sowie die Einflüsse islamischer Terroristen beeinflussen die Haupteinnahmequelle der Küstenbevölkerung – den Tourismus ganz wesentlich. Von Dienstleistungen aber leben die meisten Menschen in und um Mombasa. Wenn die Touristen wegbleiben gibt es weniger Arbeit und durch die Arbeitslosigkeit verschlechtert sich die Lage weiter. Das ist ein Teufelskreis den es zu durchbrechen gilt.

Außerdem haben wir häufiger die Situation, dass wir feststellen müssen, dass etwas an Voraussicht in Kenia fehlt. Es ist eher ungewöhnlich, dass langfristig gedacht wird. Grace teilt uns immer sehr kurzfristig mit, wenn etwas gebraucht wird oder ihr Beispielsweise auffällt, dass sie für ihre Schüler im nächsten Schuljahr ein Klassenzimmer zu wenig hat. Natürlich gibt es auch immer wieder Kommunikationsschwierigkeiten und zu erledigende Aufgaben geraten schnell in Vergessenheit. Nichts desto trotz sind wir aber trotzdem stolz auf die Entwicklung.

Was war dein schönstes Erlebnis bei Blue Bell?

Die Freude der Kinder, wenn man zu Besuch kommt. Anfangs war das noch Neugierde und Scheu, aber insbesondere nach dem Umzug auf das neue Gelände freuten sie sich richtig uns zu sehen. Aber es gab so viele schöne Momente. Der erste Schwimmunterricht. Aber am Schönsten sind die strahlenden Kinderaugen die dir sagen: „Du hast alles richtig gemacht.“

Was wünschst du dir für dein Projekt für die Zukunft?

Dass es für die Kinder nach der achten Klasse weitergeht. Entweder auf einer weiterführenden Schule oder aber dass sie mit dem angeeignetem Wissen, Fähigkeiten und sozialen Kompetenzen ihren Lebensunterhalt verdienen können. Dass sie all dies an ihre eigenen Kinder weitergeben und es schaffen den Endloskreis der Armut in Mtwapa zu durchbrechen.

Dass unsere Kinder ihr Glück und ihre Zukunft im eigenen Land finden und ihr Wissen ihrem Land zur Verfügung stellen.

Was hast du über dich selbst gelernt?

Demütiger mit dem umzugehen, was wir hier haben. Dankbarer zu sein und nicht alles als gegeben hinzunehmen sondern zu schützen und zu schätzen.

Du hast ja Erfahrungen mit der On Board Collection gemacht. Welche Tipps kannst du Pursern geben?

Am Besten in die Ansage Empathie reinbringen und Geschichten und Bilder in den Köpfen der Fluggäste entstehen lassen. Wir haben damals bei Condor beispielsweise gesagt: Wir haben heute 230 Gäste an Bord, wenn jeder nur 10 Cent spendet können wir davon x Impfungen gegen Gelbfieber bezahlen. Das bringt Transparenz und zeigt, was auch kleine Summen bewegen können.

Was kannst du anderen empfehlen, die sich sozial engagieren wollen?

Augen und Ohren aufmachen, egal wo auf der Welt man ist. Neugierig sein. Sich einlassen und auch mal den komplizierten Weg im Ausland gehen. Nicht nur die Sehenswürdigkeiten besuchen auch mal hinter die Kulissen schauen. Fragen an Einheimische stellen und offen sein. Man spürt dann selbst sehr schnell wo man gerne helfen will.

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