Die Kinder vom See

Wie sich das help alliance Projekt Kinder Paradise in Ghana um ehemalige Kindersklaven kümmert – Projektleiterin Iris Sandhof erzählt

„Ghana ist weltweit eines der Länder mit den höchsten Zahlen an Kinderhandel – sowohl innerhalb Ghanas als auch über Ghanas Grenze hinaus. Haupteinsatzgebiete für die Kinder sind die Fischerei und der Kakaoanbau, aber auch als Haushaltshilfen. Besonders Mädchen, aber auch Jungs, werden oft nach Kuwait gehandelt, wo sie in Haushalten verschwinden und als Arbeits- oder Sexsklaven missbraucht werden. Gelegentlich schaffen einzelne von ihnen über die Botschaft Ghanas den Rückweg nach Ghana. Im Ausland, ohne Sprachkenntnisse und ohne Papiere sind sie den Ausbeutern ausgeliefert.

Die Kinder, die in der Fischerei tätig sind, sind zwischen vier und neun Jahren alt, wenn sie verkauft und fernab ihrer Familien zum Arbeiten gezwungen werden. Sie bekommen keine Schul- oder andere Ausbildung, nur das Nötigste zu Essen und keine medizinische Versorgung.

 

Aber auch in Ghana werden Kinder oft für Arbeit missbraucht: Der Voltasee im Südosten Ghanas zum Beispiel war über viele Jahrzehnte der größte menschengemachte Stausee. Es sind ganze Regenwälderüberflutet worden und die tropischen Hölzer verrotten nicht. Wenn die Fischer ihre feinen Schleppnetze über den See ziehen, bleiben diese oftmals in den Baumkronen hängen. Dann werden die kleinen Kinder gezwungen zu tauchen und die Netze zu befreien. Diese Arbeit ist sehr gefährlich, weil die Gefahr, dass die Kinder sich an den Zweigen verletzen oder sich in den Netzen verheddern und ertrinken, sehr großist. Es arbeiten schätzungsweise Tausende von Kindern auf dem See. Alle Kinder, die eine Zeit lang dort gearbeitet haben, haben schon erlebt, wie ein anderes Kind ertrunken ist. Der See ist riesig und verzweigt, mit unzähligen Inseln, so dass es praktisch unmöglich ist, diese Praktiken von Polizei oder Militär überwachen zu lassen. Nur wenige Kinder können mit hohem Aufwand aus der Sklaverei befreit werden.

 

Einige dieser Kinder kommen dann zu uns ins Kinder Paradise. Im Moment haben wir 17 Kinder vom See, wie wir sie hier nennenSie stellen eine große Herausforderung für uns dar. Erstens sprechen sie kein Englisch, sondern eine andere lokale Sprache als die meisten Kinder im Heim. Verständigung ist also ein großes Problem.Zweitens sind sie das harte Überleben gewohnt, wo der Stärkste sich durchsetzt. Sie leben über Jahre in Gruppen zusammen die meiste Zeit auf dem Boot und haben kein Sozialverhalten, das sich mit dem anderer Kinder vergleichen lässt.  Zudem werden sie eingeschüchtert und ihre Herren erzählen ihnen Lügen über die Welt draußen. Zum Beispiel wurde Kindern die wir aufgenommen haben erzählt, dass sie, wenn sie wegliefen oder abgeholt würden, sterben müssten. Wir würden sie vergiften oder ihnen das Blut absaugen.

Wenn die Kinder dann von der Polizei mit Militärschutz abgeholt und zu uns gebracht werden, ist dasein traumatisierender Eingriff in ihr bisheriges Leben. Vertrauen haben sie nie kennengelernt, und sie haben Angst vor der neuen Umgebung. Es besteht in der Anfangszeit immer die Gefahr, dass sie weglaufen.

 

Die Kinder sind meist unterernährt und krank und müssen medizinisch behandelt werden. Zum Beispiel haben fast alle eine Bilharziose, eine Erkrankung, die durch einen mit bloßem Auge nicht sichtbaren Wurm ausgelöst wird, der sich durch die Haut bohrt und in die Harnblase und inneren Organe gelangt. Dort verursacht er Schäden, die sich in blutigem Urin äußern und nach Jahren zu einem Blasenkrebs ausarten können. Die Behandlung ist teuer und die Kinder lassen sich oftmals lange Zeit nach ihrer Aufnahme nicht richtig untersuchen, weil sie Angst haben.

 

Durch Schaffung von Extraklassen in der Schule werden die neuen Kinder in der Sicherheit ihrer Gruppe von einem Lehrer unterrichtet, der ihre Sprache spricht und langsam in das Heim eingewöhnt.So erhalten sie eine Chance auf ein neues Leben.“

 

Hier finden Sie mehr zum Projekt „Sicheres und schönes Zuhause für Kinder“

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