Boxen für die Seele

Raiko Morales ist Brandschutzbeauftragter der Lufthansa Technik und arbeitet bei der Konzern-Arbeitssicherheit. Außerhalb der Arbeit ist er fest im Boxsport verankert. Sein Projekt in Brasilien setzt auf die integrative Kraft des (Box)Sports – und bringt die Kinder und Jugendlichen zum Lernen. Es ist eins von acht neuen Mitarbeiter-Projekten, die nun von der help alliance gefördert werden.

Deutschland ist Weltmeister! Zumindest noch im Herbst 2014, als der Hamburger Lufthanseat Raiko Morales mit seiner brasilianischen Verlobten Daiane und dem sechs Monate alten Sohn Adriano in Sao Lourenço Da mata bei Recife eintrifft, um das jüngste Familien-Mitglied der Verwandtschaft vorzustellen. Auch für den Vater ist es der erste Besuch in Brasilien.

Morales ist Boxer, war in seiner Jugend selbst aktiv, wechselte dann früh auf die Trainerseite und ist heute sogar als Funktionär im Landesboxverband tätig. Darüber hinaus ist er Inhaber des Bundesliga-Boxstalls Hamburg Giants.

Projektleitung

Raiko Morales, Lufthansa Technik

 

Raiko

Morales hat viel gesehen, hat viele Schläge einstecken müssen, doch das Elend, das ihm im Heimatdorf seiner Frau begegnet, schickt ihn – wie man in Boxerkreisen sagt – richtig auf die Bretter.

Im Stadtteil Sao Lourenço Da mata novo te uma gibt es kein fließendes Wasser, die Menschen leben in Wellblechhütten, es gibt kaum Strom. Für den Besucher aus Deutschland eine Favela. Die Einwohner verbieten sich diese Abwertung. Die hiesige Schule bietet zwar Unterricht an – auch Englisch -, doch kaum einer der Jungs und Mädchen, die Morales beim Rundgang mit Daianes Cousin Anderson Couthino durch den Stadtteil trifft, geht hin. Die Augen gerötet, der Blick getrübt von Alkohol und Drogen schlagen sie lieber hier auf der Straße die Zeit tot. Die Eltern kümmert es kaum. „Die Perspektiven sind sehr gering“, sagt der Cousin, der auch politisch in der Gemeinde aktiv ist, „und sie schwinden weiter, wenn man nicht zur Schule geht“.

Morales erkundigt sich nach Freizeitangeboten für die Kinder. Gibt es Vereine, gibt es ein Sportangebot? Gibt es eine Alternative zu Alkohol und Drogen? „Als junger Vater ist man sehr sensibel für das Leid anderer Kinder und Jugendlicher“, sagt der 35-Jährige. Gerade, wenn man wisse, dass der eigene Sohn in einer behüteten und fürsorglichen Umgebung aufwachse. „Es klingt abgedroschen, aber ich will etwas bewegen, der Gesellschaft etwas zurückgeben“, sagt Morales.

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Sao Laurenco, Brasilien

 

 

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Eine Idee reift in seinem Kopf. Er kennt die integrative Kraft des Sports aus eigener Erfahrung. Er weiß, dass gerade der Boxsport bestens geeignet ist, Werte wie Toleranz, Respekt und Selbstbewusstsein zu vermitteln, und er beschließt, etwas gegen die Perspektivlosigkeit der Kinder zu tun. Boxen habe nichts mit Wut und Gewalt zu tun. „Im Gegenteil: Wer so in den Ring steigt, hat schon verloren“, sagt Morales. „Man lernt, die Wut und Gewalt zu kontrollieren. Denn wer erfolgreich sein will, braucht Disziplin“. Der Boxtrainer als Sozialarbeiter. Noch während seines Aufenthalts gründet er mit dem Cousin das Jugendfreizeitzentrum Instituto Juventude Criativa, das neben Musik und Tanz auch Box-Training anbietet.

Morales fährt persönlich nach Recife, kauft dort Handschuhe und Sandsäcke ein, engagiert einen Trainer und los geht`s. Nach und nach entsteht ein richtiges Zentrum. Durch persönliches finanzielles Engagement und ein wachsendes Netzwerk an lokalen Unterstützern kann der Betrieb am Laufen gehalten werden.

Jedes Kind, jeder Jugendliche ist willkommen, allerdings nur, wenn er auch den Schulunterricht besucht, denn bevor das Training losgeht, werden Hausaufgaben gemacht und Englisch gelernt. Mehr als 30 Kinder und Jugendliche kommen täglich vorbei. Insgesamt leben im Stadtteil rund 170 Mädchen und Jungen. „Schnell wurde klar, dass wir den Kids auch etwas zu Essen anbieten mussten. Viele kamen mit trockenen Lippen und leerem Magen ins Zentrum. Doch so kann man nicht lernen – und erst recht nicht trainieren“, weiß der Boxtrainer.

Projektort

Sao Laurenco, Brasilien

 

Die ersten Erfolge stellen sich ein. Das Rot in den Augen schwindet, immer mehr Kinder kommen ins Zentrum. Es wird gelernt, trainiert, getanzt und musiziert. Auch die Eltern werden einbezogen. Das Projekt läuft. Doch die Wirtschaftskrise in Brasilien verschärft sich immer weiter. 2017 schließt die örtliche Schule, weil der Staat die Lehrergehälter nicht mehr zahlen kann. Lokale Unterstützer des Projekts springen ab, da sie selbst in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Das Zentrum steht Anfang 2018 kurz vor dem Aus.

Dann liest Morales von dem Angebot der help alliance, soziale Projekte von Mitarbeitern fördern zu lassen, reicht seinen Projektantrag ein und erhält die Zusage. „Ich bin einfach nur happy, dass wir durch die Unterstützung der help alliance weitermachen und das Angebot sogar noch ausweiten können“, sagt Morales. Mit den Fördermitteln soll das Zentrum renoviert, in die Infrastruktur investiert und Trainer und Englischlehrer engagiert werden. „Darüber hinaus wollen wir die Strukturen schaffen, damit sich das Projekt spätestens 2021 selbst tragen kann“, erklärt Morales. Und bis dahin ist Deutschland auch wieder Weltmeister.

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